Frankfurt Liebieghaus Skulpturensammlung 22. März – 26. August 2018

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William Kentridge – O SENTIMENTAL MACHINE

William Kentridge verzaubert das Liebieghaus! Filmsequenzen des südafrikanischen Künstlers laufen über römische Figuren und Fragmente hinweg, die sich verwandeln, in Bewegung geraten und zu Mitwirkenden der theaterhaften Installtion werden – auch der Zuschauer taucht ein. 

Grandios funktioniert der Dialog zwischen zeitgenössischer und alter Kunst: Wie im Rausch wird man von einem Sammlungsraum in den nächsten gesogen, trifft überall auf Kentridges Bildwelt, seine kinetischen Skulpturen, überdimensionalen Kohlezeichnungen und optischen Tricks.

Ein kongenialer Anknüpfungspunkt bei der Intervention in der Liebieghaus Villa ist, dass schon das Thema der Automatenhaftigkeit in der Antike eine Rolle spielte: Bereits antike Skulpturen konnten teilweise durch mechanische Tricks bewegt werden. In „The Refusal of Time“ rotiert und schnaubt ein großformatiges Holzobjekt inmitten römischer Skulpturen, die von den projizierten Filmen überdeckt und in Bewegung gesetzt werden.

Kentridges Werk dringt in alle Poren der Skulpturensammlung: Seine fragil und verspielt anmutenden Bronze-Köpfe fügen sich wunderbar in die Reihe antiker Herrscherporträts. Sie spiegeln, wie sehr sich Kentridge mit antiker Skulptur beschäftigt hat. Dieses vermitteln auch die Zeichnungen einer Aphrodite-Skulptur in Palmyra, im Originalzustand und mutwillig beschädigt durch die IS-Kämpfer.

Im Herz der ehemaligen Privaträume der Liebieghaus zieht die Black Box den Betrachter in seinen Bann: Ein barockisierendes Theater, das alles Leid der finsteren Welt szenisch spiegelt und als Anklage für den ersten Genozid des 20. Jahrhunders steht. 

Traditionelle südafrikanische Gesänge begleiten das Rattern von Singer-Nähmaschinen, aufgebaut im edlen Speisesaal des Baron Liebieg, der als Textilunternehmer reich wurde.

Kentridge holt mit seinen Arbeiten das koloniale Erbe Europas in die bürgerliche Liebieghaus-Villa zurück. Man fühlt sich wachgerüttelt und mit existentiellen Fragen wie auch mit der aktuellen Flüchtlingskrise und den politischen Unruhen in Afrika konfrontiert.